Das seit Jahrzehnten dem Verfall ausgesetzte Jesuitenrefektorium am Grazer Rosenhain wurde im Zuge einer umfassenden Wiedererrichtung neu belebt und dient heute der Universität Graz als Lehr- und Forschungsstätte. Eine zentrale Rolle bei der Revitalisierung des über 400 Jahre alten Gebäudes spielte Liapor-Leichtbeton: Der mineralische Baustoff vereint Tragfähigkeit, Wärmedämmung und besondere Oberflächenstruktur und ermöglicht so zeitgemäße Architektur im Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz.
„Uns hat von Anfang an die Frage begleitet, wie ruinöses Mauerwerk und das, was wir hinzufügen, zu einem Ganzen werden können, das die Spuren der Zeit trägt und gleichzeitig zukunftsfähig weiterschreibt“, erläutern Jakob Leb und Jasmin Leb-Idris von leb idris architektur ZT den Revitalisierungsprozess des ehemaligen Jesuitenrefektoriums in Graz. In der konkreten Umsetzung – von einer denkmalgeschützten Ruine hin zu einem zeitgemäß nutzbaren Universitätsgebäude – kam der Materialwahl dabei eine Schlüsselrolle zu.
Liapor-Leichtbeton als vermittelndes Element
Für die Nachbildung des nördlichen Ergänzungsbaus entschieden sich die Architekten gezielt für Liapor-Leichtbeton. „Das war das Material erster Wahl für uns – es passt in Mauerstärke und Materialqualität ideal zum historischen Bestand. Die Oberfläche wirkt ruhig und gleichzeitig ehrlich“, so Jakob Leb. Die Wiedererrichtung folgte dabei klaren denkmalpflegerischen Leitlinien: Die überlieferte Kubatur des 17. Jahrhunderts definierte sowohl den architektonischen als auch den denkmalschutzrechtlichen Rahmen. Eingriffe in den Bestand waren auf das notwendige Maß beschränkt, um den weiteren Verfall zu stoppen und die historische Substanz zu sichern. Wohingegen die verloren gegangenen Gebäudeteile nicht als exakte Rekonstruktion ergänzt, sondern in einer zeitgenössischen Formensprache neu interpretiert werden sollten. Auf dieser Grundlage entstanden bis zu 60 Zentimeter starke, monolithische Außenwände aus Liapor-Leichtbeton, die die früheren Arkaden und Giebel behutsam nachzeichnen. Dabei setzten die Architekten die Materialität bewusst als Gestaltungselement ein, wie Jasmin Leb-Idris beschreibt: „Die einzigartigen Schattierungen, die Schalungsraster, Rödellöcher und Laufspuren im Leichtbeton sind dabei ein bewusstes, industrielles Gegenüber zur Patina des Bestands.“ Das historische Mauerwerk blieb weitgehend unangetastet. Bestehende Putzreste wurden gesichert, offene Oberflächen mit einer dünnen Schlemme stabilisiert und farblich beruhigt. „Gerade im Zusammenspiel mit dem neuen Leichtbetonbau entsteht daraus ein stimmungsvoller Dialog zwischen gealterter Substanz und zeitgenössischer Ergänzung“, sagt Jakob Leb.
Bauphysikalische Eigenschaften punkten
Neben gestalterischen Überlegungen waren es vor allem die bauphysikalischen Eigenschaften, die für den Einsatz von Liapor-Leichtbeton sprachen. Tragwerksplaner Johann Wagner von der IKK Group GmbH bringt die Vorteile auf den Punkt: „Liapor-Leichtbeton vereint geringes Gewicht bei gleichzeitig hoher Festigkeit, brandschutzkonformer Nichtbrennbarkeit und wärmedämmender Wirkung – gerade fürs Bauen im Bestand sind das entscheidende Pluspunkte.“ Die statischen Rahmenbedingungen waren anspruchsvoll: Schiefstellungen in den Außenwänden und ein insgesamt geschwächtes Mauerwerk erforderten ein präzise abgestimmtes Tragwerkskonzept. „Die Lösung bestand in einem internen Tragwerksskelett, das neue Lasten aufnimmt, während Liapor-Leichtbeton im Zubau für die zusätzliche Stabilität sorgt.“ Gleichzeitig überzeugt das Material unter dem Aspekt der Dauerhaftigkeit. Jasmin Leb-Idris erläutert: „Wir wollten eine robuste Hülle schaffen, die über die kommenden Jahrhunderte eine dauerhafte Präsenz entwickelt und in der sich Nutzungen über Jahrzehnte verändern können.“
Ausführung: Präzision und Zusammenarbeit
Für den Ergänzungsbau wurden rund 250 Kubikmeter Liapor-Leichtbeton auf etwa 650 Quadratmetern Außenwandfläche verarbeitet. Die Geometrie der neu interpretierten Arkaden erforderte projektspezifische Schalungen, die von der Bauunternehmung GRANIT Graz umgesetzt wurden. Zur Abstimmung der gewünschten Oberflächenwirkung kam vorab eine Musterwand zum Einsatz. Der Einbau erfolgte klassisch mittels Krankübel und Schüttrohr. Markus Zsifkovits von der WIG – Transportbeton GmbH betont die Anforderungen an das Material: „Die richtige Zusammensetzung zu finden und die qualitative Kontinuität des Leichtbetons sicherzustellen, ist entscheidend.“ Dies wurde durch intensive Begleitung durch LIAS Österreich, Schulungen auf der Baustelle sowie die enge Abstimmung aller Projektbeteiligten sichergestellt.
Denkmalschutz und zeitgemäße Architektur im Dialog
Nach rund zehn Jahren Planungs- und Projektzeit sowie etwa zwei Jahren Bauausführung wurde das Jesuitenrefektorium im Juli 2025 schließlich fertiggestellt und im Oktober 2025 feierlich eröffnet. Heute beherbergt es das Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit der Universität Graz. Das Projekt zeigt, wie sich denkmalgeschützte Substanz und zeitgemäße Anforderungen miteinander verbinden lassen. Die historische Struktur bleibt ablesbar, während neue Bauteile eine eigenständige architektonische Sprache entwickeln. So entstand aus einer ehemaligen Ruine ein Ort, der Baukultur bewahrt und gleichzeitig eine langfristige, zukunftsfähige Nutzung ermöglicht.
Infobox
Ein Bauwerk mit Geschichte
Das Jesuitenrefektorium am Grazer Rosenhain entstand Mitte des 17. Jahrhunderts als Sommerrefugium der Jesuiten. Seit 1928 befindet sich das Gebäude im Besitz der Stadt Graz. Nach einem Brand in den 1980er-Jahren verfiel das Gebäude zunehmend und blieb über Jahrzehnte als Ruine bestehen. In dieser Zeit sicherte das österreichische Bundesdenkmalamt den denkmalgeschützten Bestand. Heute dient es der Universität Graz als Standort des Instituts für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit und verbindet historische Baukultur mit zeitgemäßer Nutzung für Lehre und Forschung.
Abbildungen
Bild 1
Von der Ruine zum Universitätsgebäude: Bestand und zeitgenössische Ergänzung mit Liapor-Leichtbeton im spannungsvollen Dialog.
Bildnachweis: Marco Rossi
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Bild 2
Die arkadenförmigen Außenwände im nördlichen Ergänzungsbau wurden mit bis zu 60 Zentimeter starkem Liapor-Leichtbeton umgesetzt.
Bildnachweis: Marco Rossi
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Bild 3
Seit den 1980er-Jahren lag das denkmalgeschützte Jesuitenrefektorium im Grazer Naherholungsgebiet Rosenhain als Ruine brach.
Bildnachweis: Zechner Denkmal Consulting GmbH/Dronepix
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